50 Jahre Cusanushaus

Im Jahr 2016 hat das Studierendenwohnheim Cusanushaus Trier sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Am 11. Juni 2016 wurde dieses Ereignis mit einer großen Jubiläumsfeier gewürdigt, die in den Räumlichkeiten des Studierendenwohnheims stattfand. Zu dem Festakt wurden auch viele geladene Gäste und Würdenträger empfangen. Auf dieser Seite finden Sie verschiedene Texte und Berichterstattung rund um die Jubiläumsfeier.

pdf-icon2Ein Beitrag aus der Paulinus Zeitung vom 26.06.2016
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Beiträge aus dem Festakt und der Festschrift

Begrüßung und Einführung (Dr. Herbert Hoffmann Vors.)

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste

50 Jahre Cusanushaus, das ist für Trier´s Zeitrechnung ein überschaubarer Zeitraum.
Dennoch ein Anlass sich zu vergewissern, wozu das Haus am Moselufer in Trier heute gut ist.
Wir haben Sie eingeladen, an dieser Selbstvergewisserung teilzunehmen und vielleicht auch den weiteren Weg mit uns zu gehen.

Mit meinem Stellvertreter, Herrn Dr. Ulrich Dempfle, dem Heimleiter Herrn Dr. John Klein und Bewohnern des Hauses darf ich Sie alle herzlich begrüßen.
Namentlich darf ich begrüßen den Beigeordneten Herrn Thomas Egger, der das Cusanushaus aus eigener Erfahrung kennt. Von den Ortsvorstehern in Trier begrüße ich Herrn Christian Bösen. Aus dem Rathaus kommen Frau Dr. Duran Kremer, seit vielen Jahren engagiert in Sachen Migration und Integration. Schön, dass Sie heute Zeit gefunden haben, das Cusanushaus näher kennen zu lernen. Vom Bistum Trier sind unter uns mein Kollege Dr. Rainer Scherschel, langjähriger Personalchef des Bistums, der Leiter der Abteilung Schule und Hochschule im BGV, Herr OStD i.K. Wolfgang Müller und als Vertreter des Dekanates Trier PR Johannes Rau. Ich sage ein herzliches Willkommen.
Ein besonderer Gruß gilt dem langjährigen Vorstandsmitglied des Kath. Studierendenwerks Herrn Prof Helmut Ring, einem Mann der ersten Stunde. Schließlich grüße ich die heutigen Mitglieder des Katholischen Studierendenwerkes, des Trägers dieses Hauses mit den Mitgliedern des Vorstandes, denen ich an dieser Stelle ebenfalls herzlich danke für ihre Mitsorge um dieses Haus. Und ich freue mich über die Anwesenheit der Hausbewohner.

Ingesamt leben und arbeiten zur Zeit in diesem Haus 158 Studierende aus 41 Nationen. 13 von ihnen haben sich vor ein paar Wochen zu einem Chor zusammengetan, um dem heutigen Festakt mitzugestalten, am Klavier begleitet von dem Hausbewohner Mario Neis. Sie kommen aus Italien und dem Iran, aus Russland und der Ukraine, aus Syrien und Indien, aus Polen und Bulgarien, aus Nigeria und Marokko und aus Deutschland. Ob diese Cusanus-Singers mal in der Trierer Öffentlichkeit auftreten werden? Wir werden sehen. Dass auch der Heimleiter, Herr Dr. John Klein und der Geschäftsführer, Herr Werner Koch im Chor mitsingen, spricht für ihre persönliche Beziehung zu den Hausbewohnern.

Den soeben Genannten möchte ich an dieser Stelle herzlich danken für Ihr Engagement in diesem Haus. Herrn Dr. Klein als dem Nachfolger des langjährigen Heimleiters Josef Koch, der vor drei Jahren von uns gegangen ist, für seine umsichtige und kompetente Leitung des Hauses. Und Herrn Werner Koch, der sich seit 18 Jahren als Geschäftsführer um die wirtschaftlichen Belange kümmert, bis 2002 als geschäftsführernder Vorsitzender. Darüber hinaus hat sich Herr Koch in den letzten Jahren mit viel Herzblut in der Umsetzung des Hausprogramms engagiert, z.B. bei Fahrten zu den europäischen Institutionen in Brüssel und Straßburg.

Der Dritte im Bunde ist der Hausmeister, Herr Siegried Heutehaus, der seit 13 Jahren als fac- totum im Haus unterwegs ist; dem das Haus und seine Bewohner so ans Herz gewachsen sind, dass er von sich sagt: „Dieses Haus ist mein Kind.“ Großer Dank gilt an dieser Stelle auch den Reinigungskräften, denen bei der multi-kulturellen Zusammensetzung des Hauses manchmal eine Menge abverlangt wird, und die immer auch für die Hausbewohner ansprechbar sind. Ich nenne stellvertretend Frau Elisabeth Coen. Ihnen heute ein herzliches Dankeschön. Ein besonderer Dank gilt den Genannten für die Vorbereitung der heutigen Feier.

Meine Damen und Herrn, liebe Hausbewohner, verehrte Gäste,
der Einladung konnten Sie entnehmen, dass die 50-jährige Geschichte des Hauses und sein Profil mit Außen- und Innenansichten über eine Powerpoint-Präsentation vermittelt wird. Für die
Erstellung der Powerpoint danke ich dem ehemaligen Hausbewohnern Christian Meisenzahl und Herrn Micha Berg für die Pflege der Homepage des Cusanushauses.

Wir geben zum heutigen Anlass auch eine Festschrift mit einem Grußwort unseres Bischofs und des Oberbürgermeisters von Trier heraus, die Ihnen Herr Wolfgang Müller überreichen wird, der dankenswerterweise die Redaktion übernommen hat. Darin ist die Rede vom Cusanushaus als „Baustelle für Europa“ und vom „Haus der Nationen und der Integration“. Von aktueller Bedeutung ist, was Nikolaus Cusanus, der Namensgeber dieses Hauses, vor mehr als 500 Jahren in „De pace fidei“ – „Über den „Frieden im Glauben“ (den Frieden zwischen den Religionen) geschrieben hat, lange bevor das Zweite Vatikanische Konzil 1965 in „Nostra aetate“ seine Wertschätzung der nichtchristlichen Religionen formuliert hat. Dies scheint sich aber in Europa noch nicht herumgesprochen zu haben, z.B. in Polen und in Ungarn. Wie sonst ist zu erklären, was wir diesbezüglich derzeit in Europa Befremdliches erleben? Sehr interessant sind in der Festschrift der Rückblick von Ehemaligen auf ihre Zeit im Cusanushaus und die Statements heutiger Hausbewohner. Ich empfehle beides Ihrer Lektüre.

Nun möchte ich vor der power-point-Präsentation noch zwei Anliegen des Cusanushauses auf den Punkt bringen, die mir gegenwärtig und auf Zukunft hin besonders wichtig sind. Es sind dies besonderen Chancen des Cusanushauses, die derzeit nur bedingt genutzt werden können, weil es an entsprechenden personellen Ressourcen fehlt. Das Katholische Studierendenwerk als Träger des Hauses verfügt nämlich nur über Einnahmen aus den Mieten der Hausbewohner. Wer Integration will, muss dafür Mittel bereitstellen. Dies geschieht in Deutschland und auch in Trier derzeit in vorbildlicher Weise. Die Umsetzung der besonderen Chancen des Cusanushauses wird über seine Zukunft entscheiden.
Ich rege darum heute die Gründung eines Freundes- und Förderkreises an mit der Möglichkeit,

  • jungen Studierenden aus aller Welt hier zu begegnen,
  • sich, wo möglich, in das Hausprogramm einzubringen,
  • und dieses finanziell zu fördern.

Und was sind die beiden Anliegen? Auf die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart erfahrungsbezogen und darin wirksam zu antworten, junge Menschen aus aller Welt zu befähigen, unsere gemeinsame Zukunft zielorientiert mitzugestalten.

Zwei Schlaglichter auf die Gegenwart:

  • 1. Vor wenigen Tagen wurde in der Schweiz der größte Tunnel der Welt, Länge 57 km, eröffnet, der insbesondere den Güterverkehr zwischen der Nordsee und dem Mittelmeer beschleunigen soll. Gleichzeitig nimmt in Europa und in den USA der „Tunnelblick“ zu, die mentale Verengung auf nationale Interessen, die Abschottung gegenüber Fremden und Fremdartigem, wobei die Angst vor Fremden nachweislich dort am größten ist, wo es am wenigsten direkte Kontakte zu Fremden gibt.

    Das Cusanushaus bietet die Alternative: Multinational und multikulturell zusammen-gesetzte Wohngruppen mit je eigener Küche und Essraum. Dazu viele andere Möglichkeiten der Begegnung, des sich kennen Lernens und der wechselseitigen Unterstützung. Während seit gestern Abend bei der Europameisterschaft Fußballer unterschiedlicher Sprache und Hautfarbe aus ganz Europa um den Sieg kämpfen, – wobei das „Aux armes citroyen, formez les bataillons“ in der Französischen National-hymne zur Eröffnung gestern Abend nicht wörtlich zu nehmen ist, – finden sich im Cusanushaus junge Menschen aus aller Welt ein, die das Miteinander-Leben einüben, über alle nur denkbaren Grenzen hinweg.

  • Das Zweite: Noch nie war in unserem Land, in Europa und in aller Welt der Islam als Weltreligion so in aller Munde wie heute. Auf welchem Hintergrund?
    Wir nutzen Tag für Tag das World wide web. die globale mediale Vernetzung .
    Wir nutzen ganz selbstverständlich die Vorteile des internationalen Handels und des
    Importes von preiswerten Lebensmitteln.
    Wir sagen ja zum Weltmarkt, wohl wissend, dass wir dem Regal im Supermarkt Produkte
    entnehmen, für die die Erzeuger z.B. in Afrika, nur einen Hungerlohn bekommen.
    Also Vernetzung und Bewegung weltweit.

    Gleichzeitig treten in unserem Land und in Europa viele auf der Stelle oder blasen
    zum Rückzug, wenn es um eine geistreiche, zukunftsorientierte Gestaltung der religiösen
    Pluralität geht. Es gibt dazu keine Alternative. Wir retten das christliche Abendland nicht,
    indem wir uns gegenüber anderen Religionen abschotten.
    Hier hat das Cusanushaus nach der Devise von Nikolaus Cusanus „Einheit in versöhnter
    Vielfalt“ einen besonderen Auftrag und eine besondere Chance, die es zu nutzen gilt. Was
    diesbezüglich aus den bekannten Gründen geschieht, ist noch zu wenig. Da heißt es nach
    50 Jahren noch einmal kompetent durchstarten.

Woran erkennt man demnach Bewohner des Cusanushaus, auch ehemalige ?
am Weitblick, nicht am Tunnelblick,
an der Bereitschaft, auf Fremde und Fremdes zuzugehen,
an der Fähigkeit, mit Vielfalt umzugehen,
am Respekt vor der Würde eines jeden Menschen,
am Ja zu Europa in gelebter Vielfalt und Solidarität, – dies gilt besonders für die Hausbewohner aus Europa,
an der Empfänglichkeit für das, was im Leben trägt und Frieden und Versöhnung stiftet,
also an der religiösen Offenheit und Lernbereitschaft im Sinne eines guten
Nebeneinanders und Miteinanders unterschiedlicher religiöser Orientierung.

In diesem Sinne wünsche ich unserem Haus auf Zukunft hin noch mehr Ausstrahlung und Wirksamkeit.

Dr. Herbert Hoffmann Vors.

Cusanushaus zum Anfang der Nullerjahre

Ein Erfahrungsbericht aus der Sicht von zwei ehemaligen Bewohnern

Die erste eigene Wohnung, was für ein großer, großartiger Schritt. Für viele Studierende, die in das Cusanushaus einziehen, wird dieser Wunsch zum Zeitpunkt der Schlüsselübergabe durch den Hausmeister Wirklichkeit. Das Abitur in der Tasche, ein paar Monate Auszeit oder auch Zivildienst / Bundeswehr absolviert und dann soll es mit dem Leben richtig losgehen. Die große Freiheit! In diesem Moment ist es vollkommen egal, dass die große Freiheit zunächst nur ein 12m² großes Zimmer in einem Studierendenwohnheim bedeutet. Denn was braucht man mehr als ein kleines Zimmer mit Bett und Schrank, wenn einem die ganze Stadt, die ganze Welt offen steht. Im Cusanushaus beginnt diese Welt bereits hinter der Zimmertür, denn man teilt sich die Flure mit Küche, Duschen und Toilette in einer Wohngemeinschaft, die sehr international besetzt ist.

Das Haus begeistert auch durch seine besondere Lage direkt an der Mosel. Der nahe gelegene Fluss ist tagsüber ein toller Ort zum Entspannen und im Sommer verlagern viele Studierende ihren Lernort direkt an das Moselufer. Doch abends/nachts und in den langen Wintermonaten zeigen sich auch die negativen Seiten der besonderen Lage zwischen Zurmaienerstraße und Moselufer. An der Mosel möchte man nachts nicht gerne alleine unterwegs sein. Um vom Cusanushaus in die Stadt zu gelangen, muss man die nicht einfach zu überquerende vierspurige Bundesstraße passieren, oder aber eine nahe gelegene Unterführung nutzen. Dass man sich auch dort nicht immer sicher fühlen kann, zeigte ein Überfall auf zwei Studierende im Jahr 2005. Zwei von uns Cusaniern wurden dort am helllichten Tag überfallen, ausgeraubt und mit einer Glasflasche verletzt. Der Schrecken saß tief. Toll jedoch war die Solidarität der anderen Bewohner nach diesem schrecklichen Überfall. Am Abend versammelte sich die Mehrheit der Cusanier im Gemeinschaftsraum, um über den Vorfall und die daraus entstandenen Ängste zu sprechen. Gemeinsam ließ sich auch für die beiden Betroffenen der Überfall besser verarbeiten. In den folgenden Tagen schreckten wir Himmel und Hölle – sprich, die Trierer Kommunalpolitik – auf und forderten Änderungen im lokalen Verkehrskonzept. Leider ist bis heute die schummrige Unterführung für Cusanier die einzig sichere (?) Alternative zu der viel befahrenen Straße. Dabei wurde uns damals schon eine zusätzliche Überquerung mit einer Ampelanlage fest versprochen. Sogar die Rathaus-Zeitung berichtete mit detaillierten Bauplänen. Es wäre überaus wünschenswert, wenn im Zuge der aktuellen Baumaßnahmen in der Zurmaienerstraße auch die Verkehrssituation für Fußgänger aus dem Cusanushaus und der nahe gelegenen Jugendherberge neu überdacht werden könnte und dort endlich mehr Sicherheit in die täglichen Wege einkehrt.

Nach dem Einzug in das Cusanushaus kamen die ersten Kontakte im Haus sehr schnell zustande. Im Grunde genommen hatte man auch gar keine Möglichkeit niemanden kennenzulernen, außer man wollte sich bewusst in sein Kämmerlein verkriechen. Sicher gab und gibt es das auch vereinzelt, Studierende, die rein zu Übernachtungszwecken Mieter im Cusanushaus wurden. Der Großteil der Studierenden aber zog mit genau der oben beschriebenen Neugierde in das Haus. Man traf sich zum gemeinsamen Kochen und Essen in der Küche, zum Grillen im Innenhof, bei der Vorbereitung auf die nächste Klausur im Lernraum oder auf ein „Stubbi“ Bitburger in der Kellerbar. Bei jungen Menschen wecken kulturelle Unterschiede zunächst Neugierde und keine Angst. Wer in einem der Zimmer auf deinem Flur wohnt, ist zuallererst einmal dein Mitbewohner und kein Fremder. Man begegnet sich auf Augenhöhe und mit studentischer Leichtigkeit. Ganz schnell wurden Freundschaften geschlossen und man lernte sich besser kennen. Da gab es Hannah aus dem Saarland, Olivier aus Kamerun, Michele und Livia aus Italien, Voica aus Rumänien oder Ali aus Marokko. Ali wollte aus religiösen Gründen abends keinen Wein mittrinken, störte sich aber auch nicht daran, dass in der Küche abends eine Flasche geöffnet wurde, solange es nicht zu laut und zu
spät wurde. Dafür aber kam man nicht ohne einen Probierbissen aus der Küche, wenn Ali mit Freunden in der Tajine Lamm mit Reis zubereitet hatte. Michele und Livia wollten zunächst nicht zugeben, welche wunderbare Intensivität die mineralischen Böden dem Moselriesling verleihen, versprachen aber eine gute Flasche nach den Semesterferien von zu Hause mit nach Trier zu bringen. Das alles ist im Cusanushaus gelebter Alltag und gerade deshalb wiederum so besonders. Klar gab es auch hin und wieder Probleme. Ein Dauerthema war die Sauberkeit in der Küche. Aber die gleichen Diskussionen gibt es sicher auch in jeder anderen Wohngemeinschaft. Wenn irgendetwas wirklich aus dem Ruder lief, hat man darüber gesprochen oder den Flursprecher, den Studierendenbeirat oder den Heimleiter zurate gezogen. An sprachlichen Problemen ist es jedenfalls nie gescheitert. Voica konnte man zum Beispiel oft deutlich besser verstehen, als Hannah aus dem Saarland.

Dieses Erfahren von Gemeinschaft im Haus war für viele von uns für das gesamte Studium und den anschließenden Berufseinstieg prägend. Wir waren euphorisch und begeistert. Mehr noch, wir waren im besten Wortsinne grenzenlos europabegeistert und dachten, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Kontinent so sein würde, wie es das Cusanushaus damals schon war. Ein Jahrzehnt nach der deutschen Wiedervereinigung waren die heutigen Probleme Europas nicht abzusehen. Dass Europa es momentan oft nicht schafft, mit einer Stimme zu sprechen und nach außen als geschlossene Gemeinschaft aufzutreten ist sehr schade, jedoch gibt es weiter Hoffnung. Diese nährt sich aus Sicht eines ehemaligen Bewohners des Cusanushauses nicht zuletzt aus der Tatsache, dass im Cusanushaus doch so toll im Kleinen gezeigt wird, wie es im Großen funktionieren könnte.

Mischa Berg und Dr. Thomas Zastrow

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